eventgrafik-2016

 

In this BLOG, the Writing Workshop of the Darmstadt Summer Course, directed by Anne Hilde

Neset, Peter Meanwell and Stefan Fricke, is publishing texts and audio reviews during the festival.
The articles represent the opinion of the respective author.

 


07.08.2016

Uraufführung mit Pannen

BLOG

Stefan Prins' Piano Hero

 

Darmstadt, 30.7.2016 22.30 Uhr, Vorplatz der „Centralstation" - warten auf Prins. Schnell spricht sich herum, die Aufführung von Stefan Prins' Klavierzyklus Piano Hero müsse aufgrund von Verzögerungen bei einer anderen Veranstaltung eine Stunde später beginnen. Unmut macht sich breit. Immerhin ist es kurz darauf möglich, schon einmal den abgedunkelten, in blaues Licht getränkten Konzertsaal zu betreten. Dort sieht man den Komponisten hektisch zwischen Bühne und Regiepult laufen, Kabel und Geräte checken, mit Technikern diskutieren. Gehört das vielleicht schon zum Stück?


Stefan Prins' Piano Hero

 

Darmstadt, 30.7.2016 22.30 Uhr, Vorplatz der „Centralstation" - warten auf Prins. Schnell spricht sich herum, die Aufführung von Stefan Prins' Klavierzyklus Piano Hero müsse aufgrund von Verzögerungen bei einer anderen Veranstaltung eine Stunde später beginnen. Unmut macht sich breit. Immerhin ist es kurz darauf möglich, schon einmal den abgedunkelten, in blaues Licht getränkten Konzertsaal zu betreten. Dort sieht man den Komponisten hektisch zwischen Bühne und Regiepult laufen, Kabel und Geräte checken, mit Technikern diskutieren. Gehört das vielleicht schon zum Stück?

 

Stefan Prins ist Teil einer Generation junger Komponisten, die am Schnittfeld verschiedener Medien arbeiten. Neben instrumentalen sowie elektronischen Klängen spielt die Verwendung von Video und performativen Elementen eine wichtige Rolle.


Das Publikum scheint sich jedenfalls von der Anspannung nicht anstecken zu lassen und nutzt die Zeit zum regen Gedankenaustausch. Als niemand mehr damit rechnet, betritt der Pianist Stéphane Ginsburgh zügig die Bühne und beginnt gleich zu spielen. Also doch geplant? Von Pannen findet sich in dem 2011-2 komponierten Stück Piano Hero #1 jedenfalls keine Spur. Es handelt sich um ein Werk, bei dem durch eine digitale Klaviertastatur vom Interpreten kurze audiovisuelle Sequenzen abgespielt werden. Diese sind vorproduziert und zeigen das Innere eines Konzertflügels, in dem verschiedene Aktionen ausgeführt werden. Ausgebaute Klaviertasten fallen auf die Saiten, es wird gewischt, geschabt und gekratzt. Die schnelle Aneinanderreihung der teilweise nur Bruchteile von Sekunden langen Video-Schnipsel überfordert den Zuschauer zwar, doch lässt sich eine stimmige Dramaturgie erkennen, die mit dem Wechsel zwischen hohen und tiefen Klangregistern, schnellen und langsamen Passagen spielt.


Dieses Konzept entwickelt Prins im zweiten Teil des Zyklus' weiter, indem er statt einer Videoprojektion nun vier individuelle Bilder im Splitscreen-Verfahren auf die Leinwand bringt. Der Musikwissenschaftler Ulrich Mosch erklärt in seinem Vortrag über Piano Hero am Tag nach der Aufführung, dass im Übergang von der Einstimmigkeit in die Mehrstimmigkeit ein wesentliches Moment in der Konzeption der Piano Hero-Reihe liege. Damit verbunden ist auch die Verwendung eines akustischen Flügels neben der digitalen Tastatur. Die Komposition (2011, rev. 2013/6) spielt mit der Grenze zwischen virtueller und realer Welt, indem etwa digitale Klänge aus den Lautsprecher die Saiten des Flügels in Schwingung versetzen und so auf dem akustischen Instrument als Resonanz widerklingen. Das Ausgangsmaterial der eingespielten Video-Sequenzen ist weitestgehend mit dem aus Piano Hero #1 identisch und auch im Arrangement fehlen Prins jene Einfälle, die für eine Überraschung gesorgt hätten.


Im dritten Teil (2016) ist der „Avatar", wie Stefan Prins den im Video dargestellten Musiker nennt, ganz verschwunden. Es wird nur noch auf dem Klavier gespielt. Versteht man den Zyklus als Transformation eines Musikers aus dem digitalen in den physischen Raum, so ist die Entwicklung hier fast abgeschlossen. Denn Reste der Elektronik finden sich in der Rückkopplung von im Klavier platzierten Mikrophone, welche Gegenstände auf den Saiten in unkontrollierte Vibration versetzen. Zwar ist die Unberechenbarkeit der entstehenden Klänge vom Komponisten beabsichtigt, allerdings pfeift es so ohrenbetäubend schrill aus den Lautsprecher, dass Piano Hero #3 unangenehm aus dem Rahmen fällt. Das kann so nicht beabsichtigt gewesen sein. Gut möglich, dass die technischen Probleme vor Beginn des Konzerts hier eine Rolle gespielt haben.
Piano Hero versteht sich als ein „work in progress". Wie sich der Klavierheld weiterentwickelt, wird die Zukunft zeigen – warten auf Prins.

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von Christopher Jakobi