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In this BLOG, the Writing Workshop of the Darmstadt Summer Course, directed by Anne Hilde

Neset, Peter Meanwell and Stefan Fricke, is publishing texts and audio reviews during the festival.
The articles represent the opinion of the respective author.

 


17.08.2016

Kaltes Grinsen und kalkuliertes Zucken

BLOG


Steven Takasugis Sideshow bei den Darmstädter Ferienkursen 2016


In den letzten Minuten der Aufführung von Sideshow, dem jüngsten Musiktheater des amerikanischen Komponisten Steven Kazuo Takasugi, gab es ein Missgeschick: Drei Mal ging das grellweiße Bühnenlicht aus und an – nicht ganz synchron mit den wohl dazu gehörenden Bassdrum-Schlägen. Eigentlich hätte das Licht erst am Ende des Stückes ausgehen sollen. Die Panne verstärkte allerdings die gewollt bedrohliche Atmosphäre noch. In diesen Schlussminuten zitterten die acht Musiker auf ihren Stühlen, ihre gefletschten Zähne klapperten, und sie blickten mit leblosen Augen anklagend ins Publikum. Das Bild war das einer Hinrichtung.


Takasugi komponierte das knapp einstündige Werk, eine künstlerische Auseinandersetzung mit den freak shows von Coney Island, NY, in den 20er Jahren, zwischen 2009 und 2015. Die Aufführung bei den Darmstädter Ferienkurse realisierte das New Yorker Ensemble Talea, das Sideshow 2015 bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik uraufgeführt hatte. Das Musiktheater besteht aus fünf Sätzen: 1. „The Man Who Couldn't Stop Laughing", 2. „Sodom by the Sea" or „Mildew of an Inner Room of the Eternal Return of the Same", 3. „Electrocuting an Elephant", 4. „A Surgical Procedure: The Human Fish" und 5. „Mourning Glory" and „Parade Clothes". Dafür hat Takasugi gemeinsam mit dem Ensemble eine subtile Dramaturgie mit nur einem Bühnenbild entwickelt. Die acht Musiker (Klavier, Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Bratsche, Cello, Gitarre und Bassdrum) saßen nebeneinander gereiht, das Publikum ansehend. In Bestatter-Dress gekleidet – alle trugen einen schwarzen Anzug, weißes Hemd und schwarze Krawatte – agierten die InstrumentalistInnen auch als Schauspieler. Jede noch so kleine ihrer Körperbewegung – groteskes Grinsen, Zittern, Zucken, Gucken – war sorgfältig komponiert: eine ausdrucksvolle Mimik und Gestik, die im Laufe des Stücks zunehmend aggressiver wurde, aber nichts mit den großen theatralischen Gesten zu tun hatte, die in anderen Musiktheaterstücken während der Ferienkurse zu sehen waren.


Die Sideshow-Inszenierung schuf eine Kälte, die besonders im vorletzten Satz zum Ausdruck kam. Hier verwies Takasugi auf eine anthro-aquatische Hybridform eines „human fishes", und die wie blubbernde Luftblasen klingenden Geräusche forcierten diesen Eindruck. Plötzlich fixierten die Musiker mit ihren Augen den in der Mitte der Reihe sitzenden Gitarristen. Und der begann wie wild zu zucken und brach schließlich zusammen. Man bedeckte ihn mit einem schwarzen Totentuch. Man hatte ihn mit Blicken getötet. Was am Anfang des Stücks noch karnevalesk erschien, kippte schnell um in Ernst und Furcht. Takasugis Sideshow ist ein starkes Stück. Es wäre noch stärker gewesen, wenn alle Talea-Musiker gleichgute theatralische Fähigkeiten besäßen. Aber daran lässt sich arbeiten.

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von Elaine Fitz Gibbon