eventgrafik-2016

 

In this BLOG, the Writing Workshop of the Darmstadt Summer Course, directed by Anne Hilde

Neset, Peter Meanwell and Stefan Fricke, is publishing texts and audio reviews during the festival.
The articles represent the opinion of the respective author.

 


22.08.2016

The Force of Things - eine Klangarchitektur

BLOG


Ich sitze zwischen schweigenden Menschen auf einer Turnmatte, um uns Wände aus zerkrumpeltem Papier. In den ausgesparten Ecken spannen sich, knapp überm Boden, segelförmige Stücke aus weiß schimmerndem Material über Lautsprechern. Wie Häute sehen die Zuschnitte aus, die mit Drahtseilen an ein Metallgerüst gespannt sind. Hinter den Häuten und Wänden schwach erleuchtete Scheinwerfer. Eine unwirkliche Szenerie gruppiert sich um die Ansammlung allzu wirklicher Turnmatten: Ich befinde mich im Zentrum von Ashley Fures Konzertinstallation „The Force of Things". Das Setting lässt ungewöhnliche Klänge erwarten. Und dann bahnt sich allmählich, zunächst kaum hörbar, ein tiefes Dröhnen den Weg in mein Bewusstsein. Das Dröhnen macht sich im Raum breit. Die Dinge nehmen ihren Lauf – für die nächsten 45 Minuten wird das Stück, „The Force of Things", meine Aufmerksamkeit lenken.

 

Langsam verändert sich das weiße Licht, bis die Papierwände in krassem Blau leuchten. Cut. Dunkelheit. Plötzlich ein Knirschen, als würde jemand eine Seite in einem Buch umblättern. Es geht weiter. Zwei schwarz gekleidete Performerinnen mit Megaphonen treten auf, stellen sich nebeneinander, stockstarr dem Publikum zugewandt. Sie sprechen zu uns, mehr noch, sie verkünden das dramatische Geschehen wie in einer griechischen Tragödie. Doch es dringen nur Geräusche ihres Atmens durch und Reste von Sprache, die bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt sind. Bald rauscht es auch von der anderen Seite des Raums. Immer wieder tauchen Klänge woanders wieder auf, wandern durch Instrumente und präparierte Lautsprechertrichter.

 

Nun entspinnt sich das Stück dynamisch, schichtet mehr und mehr Klangebenen übereinander. Zugleich wird es rhythmischer, schneller; mechanischer. Aus Ein- und Ausatmen wird Rascheln und Flattern: die Häute aus hochelastischem Material wölben sich über am Boden liegende Lautsprecher, pulsieren. Akustische Wellen versetzen die Häute in Schwingung – die Grenze zwischen Hören und Sehen verschwimmt. Wie ein Flackern sieht es aus, wenn das Licht durch ihre bewegten Poren fällt. Ich wähne mich inmitten eines Organismus, höre seinen Pulsschlag, wie es atmet, stöhnt, ächzt, knirscht und knackt. Dann wieder bricht die Musik aus eingespielten Mechanismen aus. Klänge verändern sich teils so subtil, dass sie kaum wiederzuerkennen sind. Geschickt spielt Fure mit der Wahrnehmung, Zweifel macht sich breit über die Herkunft der Klänge. Die Stimmen der Sängerinnen an den Megaphonen bewegen sich in schimmernden Klanggebilden. Zu hören sind papiernes Rauschen, mechanische Rhythmen aus Lautsprechertrichtern, die live mit Händen, Papier, mit Handtrommeln bespielt werden. Kaum fassbar, flüchtig sind die Klänge. Ganz handfest dagegen mechanische Kurbeln, die die fluoreszierenden Häute neu in Szene setzen.

 

Wie immer stumm und passiv beobachten wir, das Publikum, was uns dargeboten wird. Jeder für sich, isoliert. Und doch sitzen wir im Zentrum eines Bühnenraums, dessen Teil wir sind. Ashley Fure, 2014 Kranichsteiner-Preisträgerin, hat das Stück gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Architekten Adam Fure und dem International Contemporary Ensemble über zwei Jahre entwickelt. Die flexiblen Module der Konzertinstallation erinnern an Wohnzimmer bei IKEA. Je nach Raum können Größe und Form der Installation angepasst werden, auch die Dauer der musikalischen Abschnitte ist variabel. Die Materialien sind klug kombiniert, bieten einiges an Möglichkeiten, die die Aufführung gewiss nicht ausschöpft. Der eigentliche Zauber aber liegt im Zusammenspiel der konzertierten Ebenen. Es entsteht eine Unausweichlichkeit im Reagieren und Antworten der Stimmen aufeinander, wenn sie sich zur Polyphonie auftürmen. Mechanische Rhythmen neben Lauten, die irgendwie urmenschlich klingen. Stotternde Texturen, die in ihrer Rhythmik einzelne Tonhöhen erkennen, Bewegung assoziieren lassen. Eine rätselhafte Welt ist das, in der Ursache und Wirkung verschwimmen; fast wie im Märchen, wo symbolisch-assoziativ alles möglich ist. Der dramatische Aufbau verweigert sich klarer Aussagen. So dringend die Botschaften aus den Megaphonen wirken, so unverständlich sind sie. Was diese Stimmen einer imaginären, vielleicht vergangenen, vielleicht zukünftigen Welt sagen wollen, bleibt verborgen. Vielleicht warnen sie vor der Macht der Dinge, vielleicht vor uns selbst. Definitive Antworten wird man vergeblich suchen.

 

Eines vermag das Stück auf besondere Weise. Es zeigt anschaulich, wie fragil und fragwürdig unsere Begriffe von Raum und Zeit sind. Für Momente kann es die Zeit aufheben und dem Hörraum Grenzen nehmen. Erstaunlich ist, wie Fure unsere Aufmerksamkeit lenkt, durch Verfremdung Verwirrung stiftet. Mitunter gewaltig erscheinen die polyphonen Klangformationen, fast brutal, wenn Fure asynchrone Rhythmen auseinanderlaufen und crescendieren lässt. Dann, als einzig möglich erscheinender Ausweg der Zusammenbruch. Stille, Dunkelheit. Als fantastische Klangwelt zwischen Hören und Sehen lohnt diese Klangarchitektur. Hätte man ihre Möglichkeiten auch deutlich weiter ausschöpfen können, eines schafft sie: Sie nimmt uns einiges an Gewissheit über die Realität, die wir wahrnehmen. Und auf einmal ist da ein Universum an Möglichkeiten.

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von Franziska Kloos