Geschichte

Nur ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges trafen sich auf Schloss Kranichstein bei Darmstadt Musikschaffende aus der Region und anderen Teilen Deutschlands, um die musikschöpferischen Kräfte ihrer Zeit wieder zu beleben. Der Kulturreferent der Stadt Darmstadt, Wolfgang Steinecke, hatte 1946 „Ferienkurse für internationale neue Musik“ ins Leben gerufen, um eine junge Künstlergeneration mit all dem vertraut zu machen, was in der Musikwelt während der Diktatur der Nationalsozialisten vor sich gegangen und in Deutschland so gut wie unbekannt geblieben war. Die Isolierung Deutschlands hatte dazu geführt, dass eine junge Musikergeneration im Land in Unkenntnis zeitgenössischer Gegenwartsmusik aufwuchs. Unter schwierigen Bedingungen – eine Infrastruktur fehlte noch gänzlich – organisierte Steinecke für ca. 100 Teilnehmer aus allen „Zonen“ fünf Wochen lang pädagogische Veranstaltungen, Vorträge – zum Teil mit Schallplatteneinspielungen – oder eine Studienfahrt zum Radio Frankfurt.

 

Mit Gründung des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) im Jahr 1948, dem die künstlerische und organisatorische Leitung der Ferienkurse bis heute obliegt, wurden auch die Kurse internationaler.

 

Steinecke, der die Ferienkurse bis zu seinem Tod Ende 1961 leitete, gelang es, mit René Leibowitz (Paris), Rolf Liebermann (Zürich) und Peter Stadlen (London) erstmalig internationale Dozenten zu den nun „Internationalen Ferienkursen für Neue Musik“ einzuladen und die Veranstaltungen über die Grenzen Deutschlands hinaus zu öffnen. In der Folge wurden die Kurse zunächst weiterhin jährlich, ab 1970 dann über den Zeitraum von zwei bis drei Wochen als Biennale durchgeführt.

Bis heute blieb indes immer die ursprüngliche und grundlegende Idee erhalten: eine Art musikalisches „Bauhaus“ zu schaffen. Eine Situation also, in der Schüler und Lehrer gemeinsam und gleichberechtigt miteinander arbeiten und leben. Das barg und birgt immer noch auch eine gehörige Menge an Zündstoff, Aufruhr und Kontroversen, bildete aber nicht zuletzt den Nährboden für einen intensiven – musikalischen und intellektuellen – Austausch, für ständige Veränderung und Weiterentwicklung und für viel kreatives Potential. Ab den 1950er Jahren fokussierte die Auseinandersetzung dann zunehmend auf aktuelle Themen und Musikkonzepte: Aleatorik, grafische Notation, Klanginstallationen, elektronische Musik, Spektral- und außereuropäische Musik, Neotonalität, Neoromantik, Neue Komplexität… Und natürlich die serielle Musik, die – wie könnte es anders sein – auch sofort wieder in Frage gestellt wurde.

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Knots and Fields (2010) - 1: The Darmstadt School, early 50s

Die englischen Dokumentarfilmer Andrew Chesher und David Ryan haben die Darmstädter Ferienkurse 2008 begleitet, viele Interviews mit Künstlern geführt, Proben und Konzerte besucht. Entstanden ist die Dokumentation "Knots and Fields", die bei den Ferienkursen 2010 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde und auch einen Blick auf die Ferienkurs-Geschichte wirft. Einige Ausschnitte sind online verfügbar.

 

Website "Knots and Fields"

Knots and Fields (2010) - 2: György Kurtág

Knots and Fields (2010) - 3: Behrman remembers Stockhausen

Knots and Fields (2010) - 4: Boulez and Tomek on John Cage

Knots and Fields (2010) - 5: Composition Today